Rezension - Michael Wolffsohn/Thomas Brechenmacher: Deutschland, jüdisch Heimatland

"Die Geschichte der deutschen Juden vom Kaiserreich bis heute" heißt der etwas öde Untertitel des Buches, aber wer dahinter eine ebenso öde chronologische Abhandlung vermutet, der kennt die beiden Autoren nicht. Insbesondere Michael Wolffsohn ist dafür bekannt, dass er nicht einfach den erwarteten Weg geht, sondern immer für Ungewöhnliches gut ist. In diesem Buch ist es vor allem die Herangehensweise. Dabei geht es eben nicht einfach nur um die "Geschichte" der deutschen Juden, sondern vor allem um deren Verhältnis zur übrigen deutschen Gesellschaft. Untersucht wurde dieses Verhältnis unter anderem an Hand der Vornamen, die deutsch-jüdische Eltern ihren Kindern gaben und geben. Diese zeigen in bemerkenswerter Weise den Grad der Integration, aber auch der Assimilation der deutschen Juden - und nach Assimilation strebten im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert offenbar viele. Neben den Vornamen wird dies auch an anderen Faktoren wie zum Beispiel Austritten aus der jüdischen Gemeinde, Übertritten zu christlichen Kirchen oder Mischehen deutlich. Genutzt hat diese Selbstaufgabe den Juden wenig. Dies machte sich spätestens im Dritten Reich bemerkbar - denn ein "'Rassejude' konnte seinem Schicksal weder durch die Taufe noch durch den Gemeindeaustritt entgehen". Auch vor dieser Zeit blieben die Juden trotz aller Versuche der Assimilierung im Bewusstsein der übrigen Bevölkerung und auch im eigenen Bewusstsein dennoch Juden. Angesichts dessen wirken die Versuche der totalen Anpassung eher tragisch.

Der zweite Teil des Buches befasst sich mit der Geschichte der deutschen Juden - oder der Juden in Deutschland, denn nicht alle waren oder sind deutsche Staatsbürger - nach 1945. Hier stellen die Autoren etwas anderes fest: die meisten deutschen oder auch noch nicht deutschen - meist russischen - Juden möchten heutzutage durchaus als Juden wahrgenommen werden, wenn auch eher im ethnischen als im religiösen Sinn. Dennoch sind sie dabei weit davon entfernt, eine Parallelgesellschaft aufzubauen - das Gegenteil ist der Fall.

In der Schlussbetrachtung stellen die Autoren zehn Thesen auf, in denen sie die damalige Integration bzw. Assimilation der deutschen Juden dem Verhalten der heutigen muslimischen - weit größeren und weit weniger integrationswilligen - Minderheit gegenüber stellen. Außerdem wagen sie einen kurzen Ausblick auf die Zukunft des Judentums in Deutschland, der jedoch trotz der zur Zeit positiven Entwicklung letztlich mit einem Fragezeichen endet, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des muslimischen "Antijudaismus, dessen durchaus auch mörderische Tradition bis zu den Anfängen des Islam zurückreicht."

Das Buch ist interessant und spannend geschrieben, und lässt sich - von einigen "zahlenlastigen" Passagen einmal abgesehen - flüssig lesen. Dass Michael Wolffsohn immer wieder die Geschichte(n) seiner eigenen Familie einfließen lässt, und dem Ganzen damit eine persönliche Note gibt, statt die wissenschaftliche Distanz zu wahren, hat seinen eigenen Reiz, auch wenn es für seine "Stammleser" durchaus nichts Neues ist.

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